published 17.10..2026

Vor fünf Jahren verstarb auf bislang ungeklärte Weise der geniale Pianist und Wagner Experte Stefan Mickisch. Seine Einführungen in die Opern der Bayreuther Festspiele wurden von Tausenden besucht und bejubelt. Unter ihnen waren einflussreiche Persönlichkeiten aus Politik und der Kulturelite. Es ist erstaunlich, wie schnell dieses Genie und sein früher Tod in Vergessenheit gerieten.
Einem Sechsjährigen erklären
„Wer etwas verstanden hat, der kann es auch einem Sechsjährigen erklären“. Wie so viele kluge Worte werden auch diese Albert Einstein zugeschrieben. Sie gelten aber nicht nur für die Physik. Auch Musik kann Intelligenz und Hingabe fordern, um ihre Botschaft zu vermitteln. Bei Abba ist das vielleicht bescheiden, bei Richard Wagner wird es schon schwieriger.
Allein über die ersten vier Noten seiner Oper „Tristan und Isolde“ wurden hunderte wissenschaftlicher Schriften verfasst. Doch da gab es nun ein musikalisches Genie, der konnte diese berüchtigten Noten, den „Tristan-Akkord“, in fünf Minuten erklären, und auch den Rest der Oper. In diesem Video führt er den renommierten britischen Schauspieler Sir Stephen Fry in die Geheimnisse der besagten Tonfolge ein. Das Ganze geschieht noch dazu in Richard Wagners Bayreuther Villa Wahnfried, auf des Meisters Piano, das Steinway ihm zur Eröffnung der Festspiele 1876 gebaut hatte.
Dieses Genie, das Wagners Musik gewachsen war, war Stefan Mickisch, der Held von Bayreuth. So wie nur der Held Siegfried aus den Scherben des Schwertes Nothung seine unbezwingliche Waffe schmieden konnte, so war auch nur Stefan in der Lage, aus den 88 Tasten der Klaviers den Kampf mit dem Drachen und den Ritt der Walküren hervorzuzaubern. Und so wie Siegfried sollte auch er einen tragischen, von Neid und Verrat überschatteten, frühen Tod sterben.
Die Entstehung der Welt
Ohne Stefan Mickischs Einführungen hätten sich viele Besucher ratlos durch lange Stunden in den engen Sesseln des Festspielhauses quälen und verstohlen auf die Uhr blicken müssen – aber jetzt fieberten sie jedem Akkord voller Erwartung entgegen.
Es geht ja schon mit diesem scheinbar endlosen Ton los, zu dem sich nach ungeduldigem Warten ein zweiter gesellt. Warum dauert das so lang? Der erste ist die Zeit, der zweite der Raum. Aus dem ewigen Urklang entstehen also Zeit und Raum und in diesen Dimensionen entwickelt sich die Schöpfung. Und in ihr erscheinen Gewässer und das Leben, auf der Bühne sichtbar in Form die Rheintöchter.
In wenigen Takten erklärt uns Wagners Musik also, wie aus dem Nichts die Welt entstanden ist.
Auf dem Grund des Stroms lagert das Rheingold, das zu einem Ring geformt unendliche Macht verleiht. Der Preis dafür ist jedoch hoch und lebenslänglich: Verzicht auf Liebe. In der Vorstellung der Rheintöchter, die den Schatz bewachen sollen, kann niemand das wollen, und so nehmen sie ihre Aufgabe denn auf die leichte Schulter. Doch das ist naiv: Tatsächlich kriecht da ein missgestalteter Kerl aus dem Schlamm, ein Nibelung, der sich das Gold holt und daraus einen Ring schmiedet: den Ring des Nibelungen. Und so beginnt eine Zeit, in der die der Sucht nach Macht die Liebe vergdrängt.
Nibelungen in schweren Limousinen
Soweit das Geschehen auf der Bühne. Aber was beobachten wir im Auditorium, im Foyer, in Vorplatz des Festspielhauses? Begegnen wir dort eher den Rheintöchtern oder machthungrigen Nibelungen? Sind ihre gepanzerten Limousinen Symbole der Liebe, oder stehen sie für Prestige und Reichtum? Natürlich haben auch heute die Nibelungen in Bayreuth das Sagen, während sich die Rheintöchter unauffällig in die Wogen der Gesellschaft einschmiegen.
Bayreuth war schon immer ein Magnet für Prominenz aus Politik und Wirtschaft, und ganz besonders zu Hitlers Zeiten. Das ist natürlich ein Dilemma für die heutigen Mächtigen, die sich vom Dritten Reich mindestens tausend Lichtjahre entfernt sehen möchten. Nun war Wagner zwar schon gestorben bevor Hitler geboren wurde, er ist aber dennoch „umstritten“; einerseits wegen seines germanischen Sujets, andererseits wegen besagter Popularität bei den Nazis.
Um sich von diesem Fluch zu distanzieren, zogen die Veranstalter alle Register. Die Regisseure taten ihr Bestes, um die Helden des Dramas und Wagner persönlich lächerlich zu machen. Im Bayreuther Tannhäuser 2013/14 gab es auf der Bühne statt Wartburg und Venusberg eine riesige industrielle Biogasfabrik, andere Szenen wurden in Latrinen verlegt. Man konnte ja nicht vermeiden, Wagner aufzuführen, aber zur Strafe verunstaltete man ihn nach Kräften, um jeden Verdacht von „rechts“ im Keim zu ersticken.
Verbotener Vergleich
Stefan Mickisch hielt sich fern von dieser kollektiven Verblendung. Sein Lebensinhalt war die Einführung in Wagners Werke, die er ab 1998 jedes Jahr im Rahmen der Bayreuther Festspiele anbot. Insgesamt gab es 450 solcher Veranstaltungen vor über 100.000 Zuhörern. Ort war die erwähnte Villa Wahnfried, die den perfekten Rahmen für diesen Zweck bot. Stefans Erklärungen und seine legendäre Virtuosität am Piano waren zentrale Attraktion für die Festspiele.
Er war wenig „linientreu“, und er stand der aktuellen Politik, insbesondere in Sachen Corona, sehr kritisch gegenüber. Im Dezember 2020 veröffentlichte er auf Facebook eine aggressive Stellungnahme gegen die deutsche COVID-Politik. Er veröffentlichte in dem Zusammenhang einen Text des Widerstandskämpfer der Weißen Rose Hans Scholl, der am 22. Februar 1943 von den Nazis hingerichtet worden war.
Dr. Sven Friedrich, Direktor des Richard Wagner Museums, reagierte darauf mit höchster Empörung, er entzog Stefan Mickisch in einem öffentlichen Schreiben das „freundschaftliche Du“ und erklärte ihn zur Persona non grata im Hause Wahnfried.
Was haben Corona und Hans Scholl mit Wagner zu tun? War das ein Akt vorauseilenden Gehorsams durch Sven Friedrich? Vielleicht ein Schritt, um eine ihm überlegene und äußerst populäre Figur aus seinem Umfeld zu entfernen? Eine Person, der er im fairen Zweikampf nicht gewachsen wäre? Hat er Ihm den Speer in den Rücken gestoßen, so wie Hagen dem Helden Siegfried?
Wie kommt ein Bürokrat dazu ein Genie an seinem Wirken zu hindern?
Mickisch war damit die Stätte seines Wirkens und seiner Selbstverwirklichung genommen. Es war für den Virtuosen wie ein Todesurteil. Er verstarb – vermutlich von eigener Hand – zwei Monate später, am 17. Februar 2021 im Alter von 58 Jahren.
Eliten verraten ihre Helden
Unter den Tausenden von Besuchern, die Stefans Aufführungen genossen und bejubelt hatten, befanden sich vermutlich diverse Personen von Einfluss, die seine willkürliche Verbannung aus Villa Wahnfried hätten verhindern können – auch wenn sein Ende nicht vorauszuahnen war. Wer aus diesem Kreis der Eliten hat sich damals für den Helden von Wahnfried eingesetzt?
Die deutschen Eliten haben sich noch nie durch mutigen Widerstand gegen Untaten des Zeitgeists ausgezeichnet. Sie verehren ihre Helden – so lange diese ihnen nicht widersprechen.
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