Notice: Function wp_maybe_inline_styles was called incorrectly. Unable to read the "path" key with value "https://think-again.org/wp-content/plugins/jetpack/_inc/build/subscriptions/subscriptions.min.css" for stylesheet "jetpack-subscriptions". Please see Debugging in WordPress for more information. (This message was added in version 7.0.0.) in /home2/thinkag6/public_html/wp-includes/functions.php on line 6170

published 18.07.2026

Bild: Schaeffer Library

Von Juni bis Dezember 1945 waren die abgebildeten Herren in England auf dem Gut „Farm Hall“ interniert. Man wollte von ihnen erfahren, wie weit Deutschland beim Bau einer Atombombe gekommen war. Was man nicht wissen konnte, und was auch nicht so interessant war: Einer von ihnen würde demnächst den ersten Small Modular Reactor (SMR) in wirtschaftlichem Maßstab in Betrieb nehmen. Das war vor zwei Generationen.


Drei hübsche Töchter

In meinem Studium verbrachte ich einige Semester am Institut von Professor Erich Bagge für Reine und Angewandte Kernphysik der Christian-Albrechts-Universität in Kie. Sein Foto ist links oben über dem von Werner Heisenberg, dem Begründer der Quantenphysik, und drei Bilder links von Otto Hahn, dem Entdecker der Kernspaltung zu finden. Die Portraits sind alphabetisch angeordnet, ihre Position steht also nicht in Relation zu ihren wissenschaftlichen Leistungen. Das Bild zeigt nur, in welcher Gesellschaft der damals Dreißigjährige sich befand.

Ich hatte die große Ehre, gelegentlich bei Professor Bagge in Kiel eingeladen zu sein, dessen Haus auch durch drei hübsche Töchter geschmückt wurde. Im Vordergrund standen immer neugierige Fragen nach dem Bau der deutschen Atombombe und nach den Persönlichkeiten, mit denen er damals interniert war. Bagge aber brachte das Gespräch immer auf einen kleinen Kernreaktor, wie er etwa zum Antrieb von Schiffen dienen könnte.

 

Kein Luftschloss

So ein schiff – 172m lang und 26.000 Tonnen schwer – war tatsächlich bereits im Bau, und zwar bei den Howaldtswerken in Kiel. Kiellegung war im August 1963 gewesen und bei seinem Stapellauf im Juni 1964 war auch der Entdecker der Kernspaltung zugegen, auf dessen Namen das Schiff getauft wurde: Otto Hahn.

Der Antrieb handelsüblicher Schiffe kommt von Maschinen, die Kohle oder Öl verbrennen und dabei CO2 ausstoßen – das erwähnte Modell aber verbrannte Uran. In einem Druckkessel von 3,5 Metern Durchmesser und 4 Meter Höhe arbeitete ein Kernreaktor, der eine Turbine mit Dampf versorgte, die dann 50.000 PS (rund 35 MW) auf die Welle brachte. Der Treibstoff bestand aus rund 2 Tonnen Uran, das zwischen 3,5 und 6,6% angereichert war.

1968, vier Jahre nach Stapellauf, nahm die Otto Hahn ihren Dienst auf und befuhr die Weltmeere. Nach vier Jahren hatte sie knapp eine halbe Million Kilometer hinter sich, mehr als zehnmal um die Erde, und musste an die Box. Zum ersten Mal musste sie „tanken“, d.h. den verbrauchten Treibstoff gegen neuen wechseln. „Verbraucht“ war eigentlich nur das U235, und davon gerade mal 22 kg! Die haben sich allerdings nicht in Luft aufgelöst, sondern wurden in leichtere Kerne gespalten, die extrem radioaktiv sind. Das U238, das mehr als 90% des Gewichts der Brennstäbe ausmacht, hat nichts geleistet, es war nur mit von der Partie. Allerdings hat es im Reaktor Neutronen eingefangen und sich dabei in teils sehr langlebige radioaktive Substanzen verwandelt.

Die Entsorgung dieser gefährlichen Stoffe war damals kein Problem. Darum kümmerte sich die Wiederaufbereitungsanlage im englischen Sellafield.

 

Die vergiftete Vokabel

Wenn ich nach meinem Beruf gefragt werde, und ich antworte „Kernphysiker“, dann ernte ich ein emotionsloses Nicken, sage ich aber „Atomphysiker“, dann tritt mein Gesprächspartner einen Schritt zurück und bekommt den Gesichtsausdruck, als hätte er gerade eine handgroße, behaarte Spinne an der Wand gegenüber entdeckt. Das Wort „Atom“ steht seit Hiroschima als Synonym für entfesselte Zerstörung und unmenschliches Leid. Das ist der historische Fluch, den diese Bomben für immer in die Wahrnehmung der westlichen Zivilisation eingebrannt haben.

Und damit kann die Vokabel als kraftvolles Instrument zur Manipulation genutzt werden. Wer würde schon gegen den „Atomausstieg“ sein? Der müsste dann auch die Verantwortung für Hunderttausende von Strahlenopfern übernehmen – und wer will das schon.

1979 war die „Anti-Atom“ Bewegung schon voll im Gange, und die Otto Hahn, das tadellos funktionierende, abgasfreie Vehikel mit Atomantrieb wurde ihr Opfer. Herbeiphantasierten Risiken ließen Versicherungsprämien explodieren und den Häfen wurde nahegelegt, das Schiff nicht anlegen zu lassen. Es war das Ende dieses wunderbaren Fahrzeugs, das 11 Jahre lang einwandfrei funktioniert hatte. Der Reaktor wurde aus dem Schiff entfernt und gegen einen Diesel ausgetauscht. Auch der Name wurde geändert. Jetzt war das Vehikel nuklear bereinigt.

 

Gleichgewicht der Ignoranz

Der beschriebene Kernreaktor bestand aus Modulen, die im Werk gefertigt und zusammengesetzt wurden. Er war also genau das, was heute unter dem Label „Small Modular Reactor (SMR)“ läuft, und dem man weltweit eine wichtige Rolle bei der zukünftigen Stromversorgung prophezeit.

Konnten die das vor 60 Jahren schon? Durften die das? Wer hatte dieses Wunderwerk gebaut? Es waren die Deutsche Babcock & Wilcox Dampfkessel Werke, ansässig in Oberhausen im Ruhrgebiet und Interatom aus Bensberg. Leitung des Projektes hatte besagter Erich Bagge, der seinerzeit bei Otto Hahn in Kernphysik promoviert hatte.

Es ist doch ganz erstaunlich was geleistet werden kann, wenn man hochkarätigen Professionals freie Hand gibt. Heute, 60 Jahre später, werden Wirtschaft und Wissenschaft von Scheindoktoren, Küchenhilfen und Studienabbrechern gegängelt – und man braucht zur Reparatur einer vernachlässigten Brücke länger als zum Bau eines technischen Wunderwerks.

Ein politisches Gleichgewicht ist erreicht, wenn die Ignoranz der Regierenden mit der Ignoranz der unteren 50% der Bevölkerung übereinstimmt. Das ergibt dann eine stabile Mehrheit.

Derzeit erleben wir einen verbissenen Kampf zum Erhalt dieser Harmonie.


Leave a comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *


Notice: Function wp_maybe_inline_styles was called incorrectly. Unable to read the "path" key with value "https://think-again.org/wp-content/plugins/jetpack/_inc/build/subscriptions/subscriptions.min.css" for stylesheet "jetpack-subscriptions". Please see Debugging in WordPress for more information. (This message was added in version 7.0.0.) in /home2/thinkag6/public_html/wp-includes/functions.php on line 6170