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published 11.07.2026

Bild: ChatGPT

Kann sich Deutschland nach seiner Dekadenz auf wirtschaftlichem, technologischem und kulturellem Gebiet wieder aufbauen? In einem  Interview mit Roger Köppel behauptet Klaus von Dohnanyi, dies sei letztlich nur auf der Basis christlich-abendländischer Kultur möglich, und dass er darauf vertraue, dass Leo XIV der richtige Papst zur richtigen Zeit sei.

Lassen Sie mich als Naturwissenschaftler versuchen zu erklären, was es mit besagter „Basis“ auf sich hat.


Von Poseidon zur Heiligen Familie

Wenn wir die Welt bereisen, dann begegnen wir immer wieder aufwendigen Strukturen aus der Vergangenheit, die keinerlei praktischen Nutzen haben. Sie bieten weder Wohnraum, noch haben sie militärische Bedeutung, und auch als Gewächshäuser sind sie nicht zu gebrauchen. Und nicht nur das; man hat sie aus kostbaren Materialien erbaut und ihr Inneres mit Gold und Silber verziert.

Und das war nicht die Marotte singulärer exotischer Populationen auf verlorenen Inseln im Südpazifik.  Nein – wo und wann immer sich Kulturen entwickelten, dort finden sich solche Objekte. 500 Jahre vor Christus entstand der abgebildete Poseidon Tempel in Süditalien und vor gerade mal ein paar Tagen wurde, keine 1000 km entfernt, in der katalanischen Hauptstadt Barcelona die Kathedrale „La Sagrada Familia – Die heilige Familie“ eingeweiht. Sie könnte von ihrer Struktur dem griechischen Tempel nicht unähnlicher sein, ihre Bestimmungen aber sind identisch.

Solche außergewöhnlichen Bauwerke, und die mit ihnen verknüpften unsterblichen Heiligen oder Gottheiten, signalisieren der Gemeinde: Es gibt etwas wichtigeres, als deine alltäglichen und vergänglichen Angelegenheiten, und überleg dir zweimal, ob du angesichts solch einer überirdischen Erscheinung zum Betrüger werden willst.

 

Ohne Gott ist alles erlaubt

Ich formulierte zuvor, dass sich von allen Kulturen religiöse Hinterlassenschaften fänden. Aber könnte es vielleicht auch umgekehrt sein, nämlich dass Gesellschaften ohne Religion nichts hinterlassen haben? Dostojewski sagt „Ohne Gott ist alles erlaubt“. Dann denkt jeder nur an sein eigenes Überleben, an seinen eigenen unmittelbaren Vorteil. Dann kann nichts entstehen, zu dem selbstlose Kooperation notwendig wäre, nichts, wofür man auch die Interessen der Anderen im Sinne und im Herzen habe müsste. Wie könnte dann eine Schule, eine Eisenbahn oder eine Kanalisation entstehen – von einer Kathedrale ganz zu schweigen?

In einer zivilisierten Gesellschaft muss ein Politiker oder Arzt, der kraft seiner Privilegien dem Wohl eines Anderen oder der Allgemeinheit Schaden zufügen könnte, einen Eid ablegen, in dem er besagt, seine volle Kraft einzusetzen, um genau das zu vermeiden.  Früher würde ein Eidbrüchiger seine Beziehung zu Gott verraten und aus der Gesellschaft verbannt. Heute braucht er nur einen guten Rechtsanwalt.

In einer Gesellschaft der Gottlosen wird also keine Kultur entstehen und sie wird eine von anderen geschaffene Kultur nicht erhalten können. Sie wird die ererbten Wissenschaften und ihre Universitäten verkommen lassen, ebenso wie jegliche Infrastruktur, deren Betrieb Disziplin und Verantwortung verlangt. Nicht einmal Fußball geht dann noch.

Der Verfall unseres Landes – und vielleicht des ganzen Kontinents – kann also nur im „Christlich-Abendländischen“ Geist erfolgen.

 

Christlich-abendländisch

Was ist nun dieses „Christlich-Abendländische“?

Abendländisch soll jegliche Kultur aus dem Zeitraum von Pythagoras bis Steven Hawkins umfassen. Und wie verträgt sich denn gerade die Physik mit Christentum, mit Religion?

Dazu ein Gleichnis.

Frage: „Gibt es denn wirklich diese Elektronen?“ Wir wissen es nicht. Aber wenn wir so tun, als gäbe es sie, und sie hätten genu diese und jene Eigenschaften, dann können wir die größeren Zusammenhänge gut erklären und wir können nützliche Dinge schaffen – etwa den Bildschirm vor Ihnen.“

Frage: „Gibt es denn wirklich so einen lieben Gott?“ Antwort:  „Wenn wir so tun, als gäbe es ihn, dann können Kulturen entstehen, in denen es sich lohnt zu leben.“

Der Physiker Werner Heisenberg soll es so aufgedrückt haben: „Beim ersten Schluck aus dem Glas der Wissenschaft wirst du zum Atheisten, doch durch das leere Glas schaut dir Gott entgegen.“


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Comments (4)

  1. Retlapsneklow

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    Es wäre der falsche Ansatz, würde man kausal postulieren oder damit werben, es gibt Gott, weil er nützlich ist. Man kann sich nicht aussuchen, ob er existiert.
     
    Vielmehr wäre zu überlegen, was überhaupt für nützlich gehalten wird. Gibt es eine allgemeingültige, universelle Defintion, die sich nicht infrage stellen lässt, oder liegt die Antwort in der Natur der Sache, die man ebenfalls nicht aussuchen kann? Eine Frage nach Wertvorstellungen, die Materialismus und Immaterialismus verschieden „sehen“.

  2. Brigitte Orlowski

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    Danke für diese spannende Anregung!
    Könnte es sein, dass es um diese “Doppelheit” geht: Wir sollen streben eigenständige Menschen zu werden, so wie Gott uns geschaffen hat als 8 Milliarden Individuen, UND wir sollen die Fähigkeit entwickeln uns als Individuum freiwillig für die Gemeinschaft, die Zusammenarbeit, die Anziehungskraft, die Liebe zu entscheiden — weil wir unseren Verstand benutzt haben und zu der Einsicht gekommen sind, dass wir nur so ein System schaffen können, das überlebenswert und überlebensfähig ist?
    Liebe deinen Nächsten so wie dich selbst.

  3. Gustl Grillenberger

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    “Wir” haben die Gottlosigkeit m.E. auch zu einem bestimmten Anteil auf dem Altar des Konsums und der Selbstverwirklichung geopfert. Auch Unternehmen übertreffen sich im Recruting mit maximal möglicher Eigenoptimierung. In der Tierwelt sind bei Primaten soziale Gruppen mit bis zu 150 Mitgliedern möglich – das gemeinsame Band hierbei ist Klatsch, Tratsch, Persönliches, Soziales wie sich gegenseitig “Lausen” etc.
    Menschen schaffen weitaus größere Konstrukte durch Vereinsmeierei, Markenstolz, Religion, Nationalbewußtsein (im Fußball auch in D erlaubt),
    “Wir -Gefühl” in Unternehmen (konträr zur Eigenoptimierung), aber auch durch Währungen – der Euro ist aber m.E. kein gutes Beispiel hierfür (Leistungsträger sind oft nicht stolz, “verdurchschnittlicht” zu werden.) Was alle Konstrukte gemeinsam haben sind einvernehmliche Spielregeln.
    So akzeptieren sich Leute vom Lotus- oder Morgan Owners Club in Australien genauso wie in England, Moto Guzzi und Harley Fahrer in Neuseeland genauso wie in Italien, Deutschland oder anderswo – der Marken Kern oder gemeinsame “Spirit” hält sie zusammen. Doch am Ende dieser Spiel-und Unterarten steht die von Ihnen beschriebene größte übergreifende Schale der Bindung –> die des christlichen Abendlandes. Man könnte sich das auch wie das Bohrsche Atommodell als Schalenmodell vorstellen ? Das christliche Abendland wäre demnach die Schale der Valenzelektronen ?

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