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published 05,09.2026

Bild: Ynet News

Je quitterai ce monde sans regret.

 

Ich werde diese Welt ohne Bedauern verlassen sagte Alain Delon, bevor er im August 2024 verstarb. Dieser Satz kam mir in den Sinn, als ich mich beim Versuch, per Internet ein Konto zu eröffnen, von künstlicher Intelligenz beleidigen lassen musste.

Die Verdrängung zwischenmenschlicher Kontakte im Alltag durch digitale Interaktionen hat das Leben vielleicht effizienter, aber mit Sicherheit auch reizloser gemacht. Dieser Trend mag für den einen Fortschritt bedeuten, für den anderen aber Schikane. Auf jeden Fall wird diese Entwicklung auf Dauer eine Welt schaffen, die man mit immer weniger Bedauern verlässt.


Kein Fremder mehr

Im 20. Jahrhundert konnte man die Welt bereisen, ohne Internet und ohne Handy. Man kam am Flughafen an und fragte den Taxifahrer nach einem guten oder günstigen Hotel. Oder man stieg am Marktplatz im Dorf aus dem Bus und fragte sich von dort aus durch. Das klappte immer, und nie musste man unter einer Brücke schlafen. Man machte bei der Gelegenheit auch erste Kontakte mit der lokalen Bevölkerung, die sich amüsierte, welche Schwierigkeiten man mit ihrer Sprache hatte. Aber man kam uns hilfreich entgegen, und man war ab jetzt kein Fremder mehr.

Heute buchen Sie Ihr Urlaubsapartment per Airbnb und werden von einem Schild an der Hauswand empfangen, das Sie auffordert, auf dem Keypad die sechsstellige Zahl einzutippen, die Ihnen mit der Bestätigung der Buchung zugegangen ist. Die ist im Handy gespeichert, aber der Akku ist leer. Wie der Zufall es will, schickt nach zehn Minuten Ratlosigkeit Ihr Schutzengel einen Bewohner, der das Haus verlässt. Sie treten ein, finden im Treppenhaus eine Steckdose zur Wiederbelebung Ihres Handys, und das zeigt Ihnen nun die vierstellige Zahl für den Zugang zu Ihrem eleganten Apartment an. Es funktioniert, und Sie fühlen sich wie Wotan beim Einzug der Götter in Walhall. Am Tag der Abreise genießen Sie dann noch ein kleines Lunch auf der Plaza, um dann bei der Rückkehr zu Ihrem Apartment festzustellen, dass der Code nur bis 12:00 gültig war. Mal sehen, was dem guten Engel jetzt einfällt, damit Sie noch rechtzeitig zu Ihrem Gepäck kommen, denn der Flieger wartet nicht.

 

Identification not possible

Die Entwürdigung durch Digitalisierung kann aber noch gesteigert werden. Da gibt es Verfahren, um eine Person per Internet zu identifizieren. Man hält dem digitalen Kontrolleur erst seinen Ausweis mit Lichtbild vor die Kamera, dann auch noch die Rückseite und schließlich sein Gesicht. Die eigene Rückseite braucht man der Kamera nicht zu zeigen, obwohl man Lust dazu hätte.

Na und sagen Sie, was soll daran schwierig sein? Aber da ist das Bild vom Ausweis verschwommen, und Ihr Kopf, der genau in einen bestimmten Rahmen passen muss, ist nicht richtig ausgeleuchtet. Sie versuchen, das zu korrigieren, und werden jetzt aufgefordert, nach links oder rechts zu schauen. All das tun Sie ganz gehorsam, um nach einer Stunde und diversen Versuchen die Mitteilung zu erhalten: „Identification was not possible. Please try again later.“

Bei einem menschlichen Gegenüber könnten Sie nun weitere Informationen ins Feld führen, um ihm alle Zweifel zu nehmen; für den AI-Inspektor aber sind Sie nichts anderes als ein potenzieller Betrüger. Sie mussten sich existenziell auf das Niveau dieser Maschine begeben, um deren Urteil zu erbitten. Und das lautete: „inakzeptabel“. Wo bleibt da die Würde des Menschen, die doch angeblich unantastbar ist?

 

Der Mörtel der Kulturen

Aber das ist nur ein Aspekt. Die tausend kleinen Trivialitäten des täglichen Lebens, die in der Vergangenheit durch Interaktionen zwischen Menschen erledigt wurden, hatten ja auch einen psychologischen Wert. Das kokette Lächeln des Fräuleins am Bankschalter oder die witzige, leicht anzügliche Bemerkung des Postboten – all das waren doch Pralinés für die Seele. Und jede Kultur hatte da ihre eigene Tradition, so wie die kulinarischen Eigenheiten von Land zu Land verschieden sind. Da sagt der Italiener „Buongiorno, bellissima“ und der Brite „Beautiful day, lady, isn’t it?“

Der Umgang der Menschen miteinander, die kleinen, harmlosen Wortwechsel des Alltags, sind ein wichtiges Element jeder Gesellschaft. Zwar lösen sie kein technisches Problem und steigern kein Bruttoinlandsprodukt, aber sie schaffen eine Verbindung zwischen Menschen, sie machen aus Fremden eine Gemeinschaft. Sie sind der Mörtel, der die einzelnen Ziegel zu einem Bauwerk, zu einer Kultur zusammenhält.

Wenn all das immer mehr verloren geht, und das wird wohl so kommen, dann enden wir in einer Welt, zu der man ähnliche Gefühle entwickelt, wie sie Alain Delon schon jetzt hatte.

 

 

 

… und das gibt es demnächst auch als E-Book

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Comments (8)

  1. Reply

    S.g. Hr. Dr. Hofmann, lieber Hans !
    Dein Artikel ist wie immer Balsam auf unsere geschundenen Seelen
    Du hast mit jeder Silbe recht!!
    Im Münchner Hotel Königshof, habe ich all das vor 3 Tage erlebt!
    Sie nehmen kein Bargeld mehr!
    Du musst das Essen per Code bestellen, obwohl der
    Restaurant Mitarbeiter neben Dir steht!!!
    Den Tisch für das Dinner ebenfalls per Code !!!!, der Tisch ist 4m von uns entfern!!!!!
    Diese charmanten Begegnungen, eine lustige
    Situationskomik, ein prickelndes Gespräch…,
    dass alles geht verloren, wir verkommen zu kulturlosen Roboter!!
    💚🙋🏼‍♀️🌞ms

  2. Retlapsneklow

    Reply

    Sie planen doch nicht etwa, die Welt bald zu verlassen, lieber Herr Hofmann-Reinecke, wofür Sie kein Bedauern übrig hätten? Das kann man natürlich auch humorvolle Volte verstehen.

    Sie leben in Südafrika. Was würden Sie jemandem empfehlen, der einen Wohnsitz außerhalb der EU sucht?

  3. Jörn Puscher

    Reply

    Ich kann es mir nicht verkneifen darauf zu antworten und vorne weg:”Ich werde diese Welt bestimmt mit Bedauern verlassen!” Das sich die Welt verändert und manche Menschen mit der Veränderung nicht Schritt halten können heißt nicht, dass die Veränderungen falsch sind!
    Grüße aus der Ortenau!

  4. Gustl Grillenberger

    Reply

    Werter HHR (u.Kommentatoren) – Sie haben perfekt den Nerv getroffen (ich wollte nichts antworten und tu´es schon wieder). Neben der zunehmenden Entmenschlichung schafft man sich einen lukrativen Blindleistungs-Apparat, der dem Menschen in seiner Unmittelbarkeit wenig dienlich ist. Die zwischenmenschliche Kommunikation ist eigentlich relativ schlampig und wenig trennscharf und kommt trotzdem erstaunlich oft zu glasklaren Ergebnissen und Handlungen.
    Die physische Ebene -sie lebt auch von Körpersprache und Mimik- braucht keine mathematische Präzision, nicht zuletzt deshalb, weil sie stark redundant ist – genau das nutzen auch Kriminalisten bei Rekonstruktionen. Vollkommen unverständlich ist, wie man sich in der “Zwangsdigitalisierung” von dutzenden Faktoren in logischer “UND-VERKNÜPFUNG” (Sender, Empfänger, Update, Akkustand, …..EMP….) abhängig macht, die nur beim Versagen eines nur einzigen Faktors die ganze Kommunikationskette wie ein Kartenhaus zusammenfallen lassen – siehe Flut im Ahrtal ! Eine Warnsirene hätte funktioniert, dito Kirchenglocken, ein Bote u.v.m……
    Wie kann man hier als Verantwortlicher überrascht sein, dass digitale Kommunikation das Allererste ist, was in solch einem Szenario NICHT mehr funktioniert ? Die Schweizer Armee wurde lange belächelt, weil sie bis 1994 Brieftauben für sensible Kommunikationsaufgaben eingesetzt hat. Aber was gibt es Abhörsichereres ist als eine Brieftaube ?
    Strategie wäre –> zur richtigen Zeit am richtigen Ort in der richtigen Anwendung das angemessenste und robusteste Werkzeug einzusetzen anstatt mit der Rasenmähermethode die maximal abhängig machende “All in One”- Lösung zu wählen ? Eine Ironie ist, dass just genau die Werkzeuge, die uns heute noch Eiskerne und Gesteinsschichten u.v.m. perfekt analysieren lassen dafür sorgen werden, dass in derselben Zeitspanne in der Zukunft aus unserer “Zeitschicht” nichts mehr bestimmbar sein wird ?

  5. Eckhard Hauptmeier

    Reply

    Vielen Dank, verehrter Herr Eickelmann, Ihren Beitrag habe ich ebenfalls mit Freude gelesen. Dieses Zitat von Alain Delon hat mir sofort gefallen und vermittelt wirklich Trost. Merci.

  6. Klaus Eickelmann

    Reply

    Auch Ihr Kommentar, lieber Herr Hauptmeier, ist hervorragend. Meinen deutlich kürzeren können Sie ja ebenfalls zur Kenntnis nehmen. Klaus Eickelmann, z.Zt. Somerset West bei Kapstadt / Südafrika

  7. Klaus Eickelmann

    Reply

    Welch zutreffende Kommentare, die unmittelbar an ähnliche Erlebnisse bei kürzlichen Reisabenteuern erinnerten. Alain Delon hat es richtig erkannt. Auch ich werde diese Welt wohl ohne Bedauern verlassen!

  8. Eckhard Hauptmeier

    Reply

    Hervorragend ! Sie haben mir aus der Seele gesprochen und es auf den Punkt gebracht :
    Es ist eine Tatsache, welch freie, kreative Welt wir verlassen (haben). Es ist ja nicht nur der technische Aspekt mit KI und Digitalisierung, parallel dazu werden wir mit einer unüberschaubaren Regulierungswut überzogen, ausgehend vor allem von der EU, was den deutschen Behörden sehr gern als Alibi und Steilvorlage dient – kurzum : all das macht ja was mit den Menschen, sie werden zu mehr oder weniger entmündigten Ausführenden, die alle Hände voll zu tun haben, den digitalen und behördlichen Normen und Vorgaben zu folgen, um ihre Existenz zu sichern. Mehr ist nicht möglich und gewollt.
    Ich schließe mich dem besten Fazit an, das ich seit langer Zeit gehört habe : Ich werde diese Welt ohne Bedauern verlassen !

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