published 10.05.2026

Bild: ChatGPT

 

Die deutsche Regierung hat angeregt, die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung stärker an der „evidenzbasierten Medizin“ auszurichten – also nur noch solche Therapien zu finanzieren, deren Nutzen für den Patienten wissenschaftlich belegt ist. Neu ist dieser Gedanke allerdings nicht. Spätestens seit Hippokrates sind Ärzte durch ihren Eid verpflichtet, genau diesem Prinzip zu folgen.


360 Grad Körpertemperatur

Evidenz ist nichts anderes als die Summe menschlicher Erfahrung über die Folgen unseres Handelns: Auf Glatteis rutscht man leicht aus, und zu viel Sport verursacht Muskelkater. Wer Entscheidungen im Licht solcher Erfahrungen trifft, handelt evidenzbasiert – oder schlicht und einfach vernünftig.

Die systematische Sammlung, Prüfung der Wirksamkeit und stetige Verbesserung therapeutischer Verfahren ist Aufgabe der medizinischen Wissenschaft. Eine Ärzteschaft, die dafür sorgt, dass diese Erkenntnisse und Erfahrungen dem Patienten zugutekommen, handelt evidenzbasiert. Und genau das hat jeder Arzt in seinem Hippokratischen Eid geschworen. Dafür brauchen wir keine Politiker.

Gerade während der Corona-Zeit zeigte sich jedoch, dass massive politische Interessen auf diesen Prozess Einfluss genommen haben. Die Regierung bestimmte, wer am wissenschaftlichen Diskurs teilnehmen durfte und wer ausgeschlossen wurde. Vielleicht erinnern Sie sich an Namen wie John Ioannidis, Sucharit Bhakdi, Wolfgang Wodarg oder Roland Wiesendanger, die damals ignoriert oder diskreditiert wurden. In wessen Interesse wurden diese Experten daran gehindert, ihren Beitrag zur medizinischen Evidenz zu leisten? Sicherlich nicht im Interesse der Bürger.

Regierungen haben immer wieder gezeigt, dass evidenzbasiertes Handeln nicht ihre Stärke ist, und gerade deshalb sollten sie ihre Finger – in klinischer Hygiene gesprochen – so weit wie möglich von medizinischen Entscheidungen fernhalten. Andernfalls könnte unsere „evidenzbasierte“ Körpertemperatur demnächst bei 360 Grad liegen.

 

Ein Staat, der seinem Volk dient

Auch über die Wirkungen staatlichen Handelns existiert ein gewaltiger Erfahrungsschatz. Die Geschichtsbücher sind voll davon. Deshalb erwarten wir auch von einem Staat, dass er evidenzbasiert handelt – dass seine Entscheidungen nach bestem Wissen dem Wohl der Bürger dienen oder ihnen zumindest keinen Schaden zufügen. „Primum non nocere.“

Wenn der Staat eine geborstene, stark befahrene Brücke schnellstmöglich reparieren lässt, dann ist das evidenzbasiertes Handeln. Wenn er hingegen funktionierende Kraftwerke zerstört, dann entspräche das – ins Medizinische übertragen – einer Ärzteschaft, die ihren Patienten reihenweise gesunde Arme und Beine amputiert, um sie bewegungsunfähig zu machen.

Welche Kräfte treiben Individuen oder Staaten zu einem Handeln, das der Evidenz so offensichtlich widerspricht? Neben der gewöhnlichen Dummheit gibt es dafür noch zwei weitere Ursachen: Korruption und Ideologie.

 

Evidenzbasierte Korruption

Korruption verleitet Entscheidungsträger dazu, ihre Verpflichtung gegenüber dem Volk – oder gegenüber dem Patienten – zugunsten persönlicher Vorteile zu verraten. Beispiele muss ich kaum nennen; wer die Tagespresse verfolgt, weiß, wovon die Rede ist. Eine Organisation ohne Korruption gibt es nicht. Überall nutzen Entscheidungsträger die ihnen eingeräumten Privilegien zum eigenen Vorteil.

Der Unterschied liegt in der Größenordnung des Betrugs: Handelt es sich um ein paar Euro für ein Bahnticket oder um Milliarden an Steuergeldern für die Beschaffung von Dingen, deren Nutzen für das Volk keineswegs evident ist – wie etwa die Erweiterung des Kanzleramts?

Viele afrikanische Staaten stehen beinahe synonym für Korruption. Aber ist es weiter im Norden, etwa in Europa, wirklich sehr viel besser?

 

Der Erzfeind der Wirklichkeit

Eine Ideologie ist eine politische Bewegung, deren zentrale Thesen der Wirklichkeit offensichtlich widersprechen. Es wäre eine interessante Aufgabe für die Wissenschaft herauszufinden, warum ansonsten psychologisch unauffällige Menschen derartigen Bewegungen folgen.

Deutschlands Attraktivität hinsichtlich Lebensqualität ist in den vergangenen zwanzig Jahren im internationalen Vergleich deutlich gesunken, angeblich von Platz 2 auf Platz 14. Das lag nicht allein an Korruption, obwohl auch sie eine Rolle spielte. Ausschlaggebend waren lebensfeindliche Ideologien, die in einem evidenzbasierten politischen System keine Chance gehabt hätten.

Die Anti-Atom-Bewegung, die zur Zerstörung voll funktionsfähiger Kraftwerke geführt und Deutschland erheblichen wirtschaftlichen Schaden zugefügt hat, wäre unter einer evidenzbasierten Politik ebenso ausgeschlossen gewesen, wie es in einer Klinik ausgeschlossen wäre, dass ein paar durchgeknallte Ärzte ihren Patienten reihenweise gesunde Arme und Beine amputieren.


Comments (1)

  1. WernerH

    Reply

    Leider wird immer wieder das deutsche Wort Evidenz (unmittelbare Erkennbarkeit) mit dem englischen evidence (Beweis) gleichgesetzt.

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