published 22.11.2025

Bild: Wikipedia

Die Wege vom Säugling zum Erwachsenen sind so vielfältig wie die Entstehung von Wolken am Sommerhimmel: keine zwei sind gleich. Und dennoch bilden sich bei der einen Großwetterlage einmal die beliebten Kumulus-Wolken, die wie strahlend weiße Wattebäusche im Himmel schweben, und unter anderen Bedingungen verdecken dann graue Stratuswolken den Sonnenschein.


Der perfekte Egoist

Das Neugeborene ist der perfekte Egoist. Die anderen müssen sich um all seine Bedürfnisse kümmern, um seine Ernährung, seine Verdauung und die bequeme Ruhelage. Er lernt dann schnell das eine oder andere ohne fremde Hilfe zu verrichten, und irgendwann ist er so weit, dass er sogar Dinge tun kann, die für andere von Nutzen sind. Er geht dann zur Schule, vielleicht auf eine Universität, und schließlich ist er so nützlich geworden, dass man ihn für seine Leistungen bezahlt.  Davon kann er dann sich und bald eine Familie ernähren. Er ist jetzt erwachsen.

Nehmen wir an, er ist Zahnarzt geworden und schreibt für seine gezogenen oder reparierten Zähne Rechnungen. Seine Assistentin, die sich um die Termine kümmert, stellt Ihre Arbeit den Patienten nicht in Rechnung. Sie bekommt ein Gehalt vom Chef. Der erbringt die direkte Leistung, sie arbeitet in der Verwaltung. Beides ist notwendig für das Geschäft, wobei Ersteres anspruchsvoller und anstrengenderer ist als Letzteres – jedenfalls bei meinem Zahnarzt.

Nicht jeder wird Zahnarzt, nicht jede wird Assistentin. Die Wege vom Säugling zum Erwachsenen sind so vielfältig wie die Entstehung von Wolken am Sommerhimmel: keine zwei sind gleich. Und dennoch bilden sich bei der einen Großwetterlage eher die beliebten Kumulus-Wolken, die wie strahlend weiße Wattebäusche im Himmel schweben, und unter anderen Bedingungen verdecken dann graue Stratuswolken den Sonnenschein.

Ich möchte hier untersuchen, wie der Zeitgeist – gewissermaßen die gesellschaftliche Großwetterlage – in der Vergangenheit und heute den menschlichen Entwicklungsprozess in Deutschland geprägt hat.

Zwei Großwetterlagen

Mein Alter erlaubt es mir, die beiden Intervalle 1950-1975 und 2000-2025 zu vergleichen. im ersten Zeitraum waren Adenauer, Erhard, Kiesinger, Brandt und Schmidt Kanzler. Historiker werden feststellen, dass damals die „Voraussetzungen für die Existenz einer freiheitlich-demokratischen Ordnung, welche diese nicht selbst schaffen, sondern nur schützen kann (Frei nach Carlo Schmid 1949).“ … durchaus gegeben waren. Das hatte damit zu tun, dass damals die christliche Ethik im Hintergrund omnipräsent war, auch wenn Katholiken und Protestanten einander nicht immer wohl gesonnen waren. Man war zwar nicht unbedingt religiös, aber man bemühte sich „anständig“ zu sein. Auf dieser Basis hat die politische Arbeit damals das Wirtschaftswunder ermöglicht.

Traditionen wurden geehrt, man trug sonntags etwas anderes als zur Arbeit, und katholische Kirchen standen Tag und Nacht für jedermann offen, ohne dass goldene Kelche oder silberne Leuchter verschwanden. Man hatte Respekt vor Autoritäten und gegenüber älteren Menschen. Es gab damals das, was heute so oft missbräuchlich heraufbeschworen wird: es gab eine „Zivilgesellschaft“, also eine Welt, in der die Menschen auch ohne Rechtsanwälte mit einender auskamen und in der Lage waren, ihre Weihnachtsmärkte gegen Barbaren zu verteidigen

Der Weg vom Säugling zum Erwachsenen fand in vergleichsweise entbehrungsreicher Umgebung statt. Wer mit dem Fahrrad in die Schule wollte, musste sich selbst die Teile suchen und daraus eines zusammenbauen. Die entscheidende Motivation war der Wunsch nach Wohlstand, und der konnte nur durch „direkte Leistung“ erreicht werden. In Branchen wie Hoch- und Tiefbau oder Elektrotechnik können Probleme nicht durch elegante Sprüche gelöst werden, sondern nur durch Fachwissen, harte Arbeit und unerbittliche Logik.  Natürlich fiel hier auch Verwaltungsarbeit an, die aber musste durch ein Minimum an Personal erledigt werden, welches dadurch zu Höchstleistungen motiviert war.

Das machte Deutschland zum Exportweltmeister im Automobil- und Maschinenbau. Die gesellschaftliche „Großwetterlage“ hatte das Wirtschaftswunder ermöglicht.

Klimawandel

Der Klimawandel von der ersten Epoche zur zweiten, ein halbes Jahrhundert später, ist gekennzeichnet durch den Austausch sämtlicher Werte. Christliche Tradition, Leistung und Disziplin wurden als Relikte der Nazizeit verdammt, und Herr Lafontaine klärte uns auf, dass man mit Fleiß und Pflichtgefühl auch Konzentrationslager gebaut hat.

Laissez-faire war jetzt das Motto – für den Säugling in seinen Windeln, sowie für die Jahre danach. Wenn Mathe in der Schule zu anstrengend wurde, dann hat man es abgewählt, und wenn man für das Medizinstudium ein Einser-Abitur brauchte, dann bekam man das schon, nötigenfalls mit Hilfe eines Rechtsanwalts.

Das waren keine guten Voraussetzungen, um sich gegen direkte Leistungen auf dem inzwischen weit geöffneten Weltmarkt zu behaupten. Und so entstand die Erkenntnis, dass man auch in der Verwaltung bequem auf Kosten derer leben konnte, die noch direkte Leistung an den Mann brachten.

Personal für Verwaltung gab es genügend, nicht zuletzt dank der Parole, dass die Frau nicht an den häuslichen Herd gehört, sondern an die Uni und dann in den Aufsichtsrat. Und auch bei den sensiblen Männern hatte sich herumgesprochen, dass man leichter Karriere macht, wenn man irgend etwas mit Medien studiert, statt sich durch ein Ingenieursstudium zu quälen.

So entstand ein riesiger Markt, in dem die Anbieter kein Produkt feil hielten, für das man ihnen Geld gegeben hätte, dessen Protagonisten es aber gelungen war, sämtliche öffentlichen Verwaltungen von den ASTAs der Universitäten bis zu den Bundes- und EU Ministerien unter ihre Kontrolle zu bringen. Es hatte sich eine Allianz von perfekten Egoisten gebildet, die nie wirklich erwachsen geworden waren.

Da konnte man nun nach Belieben neue „Arbeitsplätze“ schaffen und hilfreiche „NGOs“ finanzieren. Bewerber wurden auch nicht nach Qualifikation, sondern nach Gesinnung eingestellt. Da braucht man im Wirtschaftsministerium nicht zu wissen, was ein Konkurs ist und im Außenministerium nicht, wie weit weg die anderen Länder sind. Hauptsache, man ist woke.

Während das Bundeswirtschaftsministerium unter Ludwig Erhard einst mit 650 Mitarbeitern auskam, um das Wirtschaftswunder zu organisieren, braucht man heute 2200, um die Wirtschaft zu ruinieren. Und auch den 25.000 in der Verwaltung der Bahn gelingt es nicht, die Züge pünktlich ankommen zu lassen. Gut, früher war das einfacher, da gabs noch keine Computer.

Aber wie solle man all diese Tausenden von Verwaltungskräften nun entlohnen? Die Assistentin des Zahnarztes hatte ja den Doktor im Rücken, der von seinen Patienten Geld bekam. Natürlich bezahlen alle Regierungen ihr Personal durch Steuern. Doch das mathematische Verhältnis der Steuerzahler zu den Empfängern muss irgendwie stimmen. Gut, je weniger Steuerzahler, also je weniger Personen direkte Leistung erbringen, desto mehr müsste man jedem einzelnen abnehmen, um das Heer in den Verwaltungen zu bezahlen. Genau das macht man heute. Und wenn das nicht reicht, dann macht man Schulden. Wie wird das enden?

Eine solch stabile bedrückende Wetterlage kann nur durch ein kräftiges Gewitter mit Blitz und Donner bereinigt werden- Dann haben wir wieder blauen Himmel mit den hübschen weißen Wölkchen.

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Comments (4)

  1. Detlef Alwes

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    Der Westen befindet sich in der degenerativen Phase der Dekadenz.

  2. Gustl Grillenberger

    Reply

    Phantastisch auf den Punkt gebracht, Dr. HHR – nicht nur Ihr “Kernfach” hat Energie-Gehalt, auch Ihre Zeilen !
    Als Kind und Jugendlicher bin ich (Jhg. 66) in einer Leistungsgesellschaft mit hochgradig positiver Aufbruchstimmung aufgewachsen und
    Irgendwann in den neunziger Jahren begann rein subjektiv zeitgleich mit dem Lopez-Effekt unsere gesamtgesellschaftliche Arbeitsqualität und Wirtschafts-Ethik stark zu kippen. Ihrer Lebenserfahrung nach aber muß der Wandel aber schon schleichend zuvor im Gang gewesen sein.
    Heute finden wir uns in einer mehr als seichten „PERFORMANCE-GESELLSCHAFT“ ** wieder, in der

    Viel weniger das Erreichte zählt
    als vielmehr das Erzählte reicht (Zitat Alfred Dorfer).

    ** Performance Gesellschaft (Definition in Anlehnung an F. Nikolai):
    EIN IMPROVISIERTER LEISTUNGSWILLE, DER VOR PUBLIKUM IN MEETINGS INSZENIERT WIRD – OHNE VERBINDLICH ETWAS SINNVOLL MESSBARES ZU BEWIRKEN (auf gut Bayrisch sagt man auch „leeres Stroh dreschen“) !

  3. Junghans, Cornelius

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    Klingt wie ein wunderhübsches Märchen, ist aber leider die unerbittliche Wahrheit! Wo ist ein rettender Notausgang?

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